Vortrag von Rosemarie Bronikowski über Ernst S. Steffen, gehalten am 23.06.2006 in der Stadtbibliothek Heilbronn

Wir sahen soeben einen Film über Ernst S. Steffen, einen Dichter dieser Stadt. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich eingeladen wurde, an dem Ort, an dem ich lange Zeit mit meiner Familie lebte, über meine persönlichen Erinnerungen an Ernst Steffen zu sprechen.

Er wäre am 15. Juni dieses Jahres 70 Jahre alt geworden. Für mich, wie gewiss für die Zuhörer im Saal, die ihn gekannt haben, ist er als Siebzigjähriger schwer vorzustellen. Er bleibt als Vierunddreißigjähriger im Gedächtnis, ein Mann, der sich in seinem kurzen Leben zwischen Höhen und Tiefen regelrecht verausgabt hatte. Der Film zeigt das sehr eindringlich. Er starb am 10. Dezember 1970 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. In verzweifelter Stimmung war er mit dem Auto ins Schleudern geraten und gegen einen Baum gefahren.

Ernst Steffen war damals seit knapp drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Trotz vergleichsweise günstiger Voraussetzungen bekam er das Leben in Freiheit nicht in den Griff. Es war als hätte er über der Haft vergessen, wie das Leben draußen funktioniert. Wie man selber funktionieren muss, um sich anzupassen.

Sich anpassen – das war seine Sache nicht. In dem Film sahen wir eine Szene aus einer Fernsehaufnahme. Steffen ist dort etwas unglücklich auf einem zierlichen kleinen Stuhl platziert. Meine Kinder stellten ihm hinterher Fragen: Warum hattest du bei der Fernsehdiskussion dieses gräßliche gestreifte Hemd an?
Damit jeder gleich erkennt: da kommt der Ganove Steffen. Er sagte dies mit einer Art Trotz, als akzeptiere er das Wort Ganove als sein persönliches Markenzeichen.
Der Held schlüpft ins Kostüm, witzelten die Kinder. Er spielt die Rolle seines Lebens.
Es musste ihn gekränkt haben. Er spielte die Rolle nicht, es war seine Wahrheit. Aber was sonst verlangt das Fernsehen als das Spielen einer Rolle?

„Wollt ihr mich als Schurken, /als Psychopathen?/ Oder wollt ihr mich?“ solche Gedichtzeilen drücken das ganze Dilemma aus, in dem er steckte. Wir - heute - haben nun die Wahl: Wollen wir den Verbrecher sehen, oder den Menschen, der er war?

Aber lieber Freund Steffen – du bist es, und niemand anderes, der sich vor dem Gesetz schuldig gemacht hat. Und das nicht nur einmal, und nicht nur ein bisschen, wie wir alle mal ein bisschen Gesetz übertreten haben...

Er stand zu seiner Knastlaufbahn. Genau so stand er zu dem sicheren Gefühl, es hätte etwas anderes aus ihm werden können. „Ich werde von mir getragen wie ein Anzug“, schreibt er in einem Gedicht. „Ich hoffe / dass ich nach meiner Entlassung / noch ein Leihhaus für mich finde“.

In der HEILBRONNER STIMME vom 11. Juli 1968 wurden unter der Überschrift: „Heilbronner wurde im Zuchthaus zum Lyriker“ einige Gedichte veröffentlicht. Und ein Bericht über einen ehemaligen Strafgefangenen mit Namen Ernst S. Steffen, geboren in Heilbronn, seit einem halben Jahr in Freiheit. Für seine Gedichte und Hörspiele habe er bereits Anerkennung in der Fachwelt erhalten, finde aber in seiner Heimatstadt keinen Anschluss und keine angemessene Arbeitsstelle. Besonders beeindruckt war ich von einem der abgedruckten Gedichte:

Ich vermute,
ich bin nur provisorisch gemeint;
irgendwann wird man mich
zu Ende denken und
dann bekomme ich
diese Jahre zurück.

Was ist das für ein Mensch, der sich für vorläufig hält, für provisorisch, fragte ich mich beim Lesen der Zeitung. Es klingt so, als sei er nicht ganz bei sich selbst angekommen. Die Gedichtzeilen gingen mir nicht aus dem Kopf.

Ich lebte mit meiner Familie von 1952 bis 1971, also fast zwanzig Jahre lang in Heilbronn. Wir fühlten uns der Stadt zugehörig, zumal hier die drei Jüngsten unserer Kinder geboren wurden. Wir wohnten in der Göbel – dann in der Goethe- und zuletzt in der Geibelstraße. Von da war es nicht weit zum Justinus-Kerner–Gymnasium, wo mein Mann unterrichtete, einigen Anwesenden vermutlich noch bekannt unter dem Namen Joachim von Oppeln, wir haben den Doppelnamen Oppeln-Bronikowski.

Mit Strafgefangenen hatte ich mich bis dahin nicht befasst. Mich interessierte, da ich selbst Gedichte schrieb, mehr der Lyriker, als der ehemals Gefangene. Den müssten wir mal kennen lernen, dachte ich, und vergaß es wieder. Neben dem Artikel war ein Foto mit einem Kopfsprung in ein Schwimmbecken zu sehen. Es bezog sich aber nicht auf den Dichter, sondern auf den subtropischen Hitzetag, der die Heilbronner ins Schwimmbad trieb. 30,7 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit... Vielleicht eine Erklärung, dass ich keineswegs gleich aktiv wurde.

Einige Tage später erschien ein Leserbrief von Ernst S. Steffen in der Zeitung. „Heilbronn tuschelt – das ist alles“ – die Überschrift verriet seine Enttäuschung über die ausgebliebene Reaktion der Leser. Damit fühlte auch ich mich gemeint und ließ mir von der HEILBRONNER STIMME seine Anschrift geben.

Ich schrieb ihm eine Postkarte. Ob er Lust habe, uns kennen zu lernen? Wir seien eine große Familie, hätten Interesse für seine Probleme und beschäftigten uns außerdem mit Literatur. Ich lud ihn für Montag Abend um acht zum Abendessen ein. Er kam Sonntag Nachmittag um fünf.

Von da an kam er oft zu uns und wurde zu einem guten Freund der Familie. Ganz reibungslos ging das allerdings nicht.

Unsere Familie war mit sieben Kindern und deren Freunden und Freundinnen ein vielseitiges Leben gewohnt, aber der Dichter, der einige Jahre im Zuchthaus verbracht hatte – heute nennt man es Justizvollzugsanstalt – brachte einigen Wirbel in das festgefügte Familienleben.

Wir brauchten Zeit, uns mit seinen Eigenheiten vertraut zu machen. Da stimmte vieles mit vielem nicht überein. Er konnte unverschämte Blicke werfen, verschämt und voller Angst. Ein kräftiger Mann vom Typ eines Draufgängers? Er war anfällig gegen jeden Schnupfen.

Bei körperliche Anstrengungen, wie Ballspiele mit den Kindern – mit Vehemenz und Begeisterung wurden Kämpfe in unserem langen Wohnungsflur ausgetragen - schätzte er seine Kräfte falsch ein. Nach kurzer Zeit sah er blass und verschwitzt aus und wollte doch nicht aufgeben.

Mehr noch als körperliche Anstrengungen warfen ihn Aufregungen um. Er half sich mit Alkohol und Tabletten. Ich erinnere mich an seine Reise zu einer Dichterlesung. Sein Zug ging am Vormittag. Am Mittag klingelte er an unserer Wohnungstür. Auf die Frage, warum er nicht gefahren sei, antwortete er: Komisch, ich konnte irgendwie nicht. Mein Sohn brachte ihn dann zur Bahn.

Die erste Zeit mit Steffen war für uns, die wir bis dahin verhältnismäßig ruhig vor uns hingelebt hatten, ein Dauerstress. Eine Liebesgeschichte war der Auftakt, von der ich später meinte, er holte seine nicht gelebte Pubertät nach. Mit den Ereignissen konfrontiert, dachte ich allerdings weniger über die Ursachen nach, als über Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, ständig bemüht Schlimmeres zu verhüten. Steffen, beschwor ich ihn, man muss Rücksicht auf andere Menschen nehmen. Nimmt auf mich etwa jemand Rücksicht?

Manchmal waren wir sauer. Kaum kam ihm eine Idee, ging er auch schon an die Ausführung. Keine Pause, kein um Rat Fragen. Wir hätten doch erst mal darüber sprechen können – bevor er randvoll und ohne Führerschein durch die Stadt brauste. Mit dem Schwarzfahren stand er mit einem Fuß wieder im Knast. Warum er das Schwarzfahren nicht ließ, obwohl es das Ende der Freiheit bedeuten konnte? Uns war das unverständlich.

Als er endlich den Führerschein bekam, atmeten wir auf. Aber keinen Alkohol am Steuer, beschworen wir Steffen, sonst bist du ihn wieder los. Die Sorgen waren geblieben.

Nicht nur, dass er „ein bisschen Porsche fahren wollte“ ( Zitat Steffen ), macht die Aufnahme eines gewesenen Häftlings in den trauten Familienkreis problematisch, sondern seine Knastvergangenheit. Wer lange von der Gesellschaft ausgeschlossen war, ist wie ein Taucher, der wieder an die Luft kommt und sich auf das normale Atemholen erst einstellen muss. So einer kann beim Wiedereintritt in die freie Gesellschaft unverhältnismäßig reagieren, besonders wenn er sich angegriffen fühlt. Die im Vollzug erfahrenen Demütigungen wirken lange nach.
„Merkt Ihr denn gar nicht, was Ihr uns antut?“ fragt Steffen in seinem Buch RATTENJAGD. „Ein einziger Denkvorgang würde Euch zeigen, dass Menschen, denen man die Selbstachtung nimmt, sich immer werden schlagen müssen“.

Wen oder was klagte er eigentlich an? Seine Kindheit? Seine Heimerziehung? Viele Menschen hätten Grund, die Art, wie sie groß gezogen wurden, anzuklagen, und sie führen doch aus eigener Kraft ein straffreies Leben. Wenn auch oftmals nicht ein Leben, das ihren Anlagen, ihren Fähigkeiten entspricht.

Wen oder was klagte er eigentlich an? Seine Kindheit? Seine Heimerziehung? Viele Menschen hätten Grund, die Art, wie sie groß gezogen wurden, anzuklagen, und sie führen doch aus eigener Kraft ein straffreies Leben. Wenn auch oftmals nicht ein Leben, das ihren Anlagen, ihren Fähigkeiten entspricht.

Schreiben war für Steffen so viel wie Rettung. Schon als Heimkind hatte er Tagebuch geschrieben. Während der Haft las er sich in der Gefängnisbücherei durch die dort vorhandenen Werke deutscher Klassiker. Und irgendwann kam ihm Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“ in die Hände. Er muss das Buch so gründlich studiert haben, dass er daraus zitieren konnte und gewiss auch Anregung für das eigene Schreiben erhielt. Im Zuchthaus, wo man in den sechziger Jahren noch um zwei Bögen Papier zum Schreiben bitten musste, entstanden fast alle später veröffentlichten Gedichte und vier Hörspiele. Hatten seine Fluchtversuche und Ausbrüche ihn bisher unweigerlich zurückgebracht hinter die Gitter, mit der Sprache gelang ihm ein anderer ein Sprung in die Freiheit.

Er erzählte von einer Untersuchung beim Anstaltsarzt. Wie stolz er sich fühlte als dieser ihm sagte: Wissen Sie was Sie sind, junger Mann? Sie sind ein verbummeltes Genie, sind Sie. Es war sozusagen der einzige Ritterschlag, den ich jemals in meinem vermurksten Leben empfangen habe, sagte Steffen. Es ist nur eine Rosinante, aber ich reite darauf. Sie ist die einzige, auf der zu reiten mir niemand verwehren kann.

Die RATTENJAGD erschien erst nach seinem Tode. Es war eine Prosa voller Hohn und Zorn auf die Justiz und ihre Ausführenden. Die Reaktionen auf das Buch erlebte er nicht mehr.
Zu Lebzeiten aber, 1969, erschienen im Luchterhand-Verlag seine Gedichte unter dem vielsagenden Titel LEBENSLÄNGLICH AUF RATEN. Wir saßen gerade beim Abendessen, als er die Korrekturfahnen vor uns ausbreitete. „Steffen, du bemitleidest dich.
Wer sonst?“
Das kommt über mein Buch, sagte er und löste das Gummiband, das die Korrekturbögen von Lebenslänglich auf Raten zusammen hielt. Gedichte, viele uns schon bekannt, zwischen Tellern und Tassen, wir wollten gerade Abendbrot essen. Wann gibt’s endlich was? Die beiden Jüngsten hatten Hunger und jetzt keinen Sinn für Lyrik.

Du bemitleidest dich – ist das ironisch gemeint?
Nein, sagte Steffen, es ist doch einfach wahr.
Und so steht „Du bemitleidest dich“ über seinem Gedichtband. Aber in den Gedichten ist von Selbstmitleid keine Spur.
Ich erinnere mich an eine Dichterlesung in Heilbronn. Bei den anschließenden Fragen aus dem Publikum fühlte er sich höchst unbehaglich. In einer Diskussion, sagte er später zu uns, kommt das Eigentliche nie zur Sprache. Und mit einem halb schüchternen, halb trotzigen Augenausdruck:
Und von keinem hörte ich, wie ihm meine Gedichte gefallen haben.

Heute – hier – könnte ich ihm verspätet sagen, wie mir seine Gedichte gefallen. Es sind unpathetische, genaue, auch ironische Gedichte, trotzig, kraftvoll, gelegentlich zart. Sie drücken beklemmend die Situation in der Zelle aus. Oft wie mit einem traurigen Grinsen geschrieben, oft auch wütend, erbittert. Aber nicht alle handeln vom Knast. Es sind Liebesgedichte darunter, und ein erstaunlich verständnisvolles Gedicht über seinen gewalttätigen Vater.
Und es gibt ein Gedicht mit dem Titel „Perspektive“, das einen Blick aus dem Gefängnis über die Mauern wirft und die Lebenswirklichkeit „draußen“ schlicht und genau erfasst. Es zeigt ihn in der Lage, über die Enge der Zelle hinauszudenken.

Als Steffen in Gernsbach lebte und beim SWF in Baden-Baden arbeitete, sahen wir ihn seltener, doch wenn er kam, war gleich Stimmung. Ich besitze noch einen auf meiner Schreibmaschine getippten Zettel von ihm, der dem Papierkorb nur entging, weil ich die Rückseite für Notizen verwendete. „Ich bin hier und alle sind hier und ich kann sogar Schreibmaschine schreiben, ätsch! Und mein Hund ist auch da, ätsch! Und außerdem höre ich gerade, dass ich viel schneller schreiben kann, als der Herr des Hauses. Ich mache allerdings auch viel mehr Fehler beim Tippen. Aber das macht ja fast gar nichts, weil ich ja sowieso viel mehr Fehler habe.“

Hätte ich geahnt, dass dieser Zettel mal ein bisschen Steffen würde, wenn nur noch seine beiden Bücher von ihm sprechen können.
Ein Nachmittag gehört dazu, an dem die Familie beim Kaffee saß und es klingelte zweimal kurz: der Ernst kommt!
Habt ihr noch eine Tasse für mich?
Zum Kaffee einen Cognac und Erfolgsmeldungen aus der Baden-Badener Damenwelt.
Was habt Ihr hier für traurige Musik? Er kramte im Plattenschrank. Händel, Concerto grosso, davon wird einem besser.
Nicht so laut, Steffen, die Hausbewohner werden sich beschweren!
Beethovens Fünfte. Auf Beethoven die Bee Gees...

Und es gab auch die verrückten Abende, von denen ich später dachte, es wurde manches überspielt. Im wahren Sinn des Wortes, wenn wir Lieder von Biermann und Degenhard sangen und Steffen uns auf einem Kinder-Xylophon begleitete – eine schlagkräftige Begleitung unserer stümperhaften Gesänge. Wir probierten auch aus, ob sich Steffens Gedichte singen ließen.
„Sie war gerade sechzehn geworden, / man sah es ihr noch an. / In ihrem Busen schluchzten die Torten / und Schweinchen aus Marzipan...“
Doch wir sangen dann nicht mehr, weil das Xylophon kaputt ging.
Verrückte Abende.
Man konnte so herrlich mit ihm saufen.
Das behaupteten meine Kinder, und es war leider wahr, Am Schönsten war’s, wenn wir so herrlich miteinander soffen. Bis Steffen aufstand, sich verabschiedete und ging und zum Fenster wieder hereinkletterte und dann endgültig ging und wer weiß wo landete. Wie bist du bloß nach Hause gekommen? Nach Hause? Ich?

Steffen war nicht laut, aber irgendwie raumfüllend in seiner Art. Ein barocker Mensch, hatte ihn mal jemand genannt. Ein Mensch der Fülle, des Überflusses. Wenn ein solcher Mensch das halbe Leben in Anstalten verbracht hat, in was für einer Verfassung befindet er sich wohl danach, in der sogenannten Freiheit?

Frühsommer 1970.
Wenn der sich mal überschlägt, sagte Steffen von seinem frisch erworbenen roten Cabriolet, bin ich weg.
Das war nicht seine Sorge, die sah anders aus: Fällig werdende Raten. Er telefonierte herum, bat um Vorschüsse, versuchte Kredit aufzunehmen.
Schreibst du eigentlich noch Gedichte?
Die Frage verbot der Takt. Steffen litt darunter, dass jetzt andere Themen von ihm erwartet wurden, als solche vom Knast und seinen Folgen.

In LEBENSLÄNGLICH AUF RATEN gibt es zwei fiktive Briefe, gerichtet an einen im Gefängnis zurückgebliebenen Freund, den er Herbert nennt.
„Das Tor öffnet sich, und Du tust den Schritt mit Deinem Köfferchen und Deinen Erwartungen – und dann ist es schon aus. Das große Besetztzeichen erwartet Dich schon unten auf der Straße. Es ist anders, Herbert. Nichts mehr von dem, was wir träumten. Wir träumten von Freiheit und Ankunft. Wenn Du herauskommst, bist Du schon müde“.

Steffens Müdigkeit. Er wurde krank. Mit schmerzendem Magen – ein Magengeschwür wurde diagnostiziert – und einem von Tabletten benebeltem Hirn saß er vor der Schreibmaschine und versuchte ein Exposé zustande zu bringen.

Tabletten zum Wachhalten, Tabletten zum Einschlafen. Suche um Hilfe beim Alkohol und beim Rausch der Geschwindigkeit, der ihm dann zum Verhängnis wurde. Hinzu kamen die Geldsorgen. Wie auf die meisten aus der Haft Entlassenen warteten offene Rechnungen auf ihn. Frühere Schulden. Wiedergutmachungsansprüche. Forderungen, die ihm so irreal erschienen, dass er sich gar nicht erst überlegte, wie er sie abbezahlen könnte. Es kamen immer neue hinzu. Raten für die Wagen – das rote Cabriolet war der vierte innerhalb von 3 Jahren. Und es kamen Prozesskosten, weil er einen Fürsorger mit dem Wort Prolet bezeichnet hatte.

Freunde, die ihm gern beigestanden hätten, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Man hätte Sache doch besprechen können, bevor er sich auf einen Prozess einließ. Und überhaupt - war es zu begreifen, dass er die Mitarbeit, die ihm Funk oder Fernsehen zur Sicherung seiner Existenz boten, einfach verbummelte?
„Es ist schlecht bestellt um meine Konzentration in letzter Zeit“, schrieb er in einem Brief. „Ein paar Gründe weiß ich sogar. Einer davon ist, dass ich immer schrieb um des Schreibens willen, und jetzt schreiben muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist eine Belastung, an der ich wohl noch gemütskrank werde; die ersten Anzeichen sind da.“

Der Antrieb von Wut und Sehnsucht, den er im Gefängnis hatte, schien Steffen jetzt zu fehlen. Ihn trieb nichts mehr zum Schreiben, schon gar nicht die Auforderung, sich auch einmal mit anderen Themen zu befassen. Sein Thema, der Mensch im Räderwerk des Vollzugs, war noch lange nicht ausgeschöpft. Aber glaubte er denn noch daran, mit seinen Schriften ein Umdenken in der Justiz zu bewirken? Er kannte doch die Unbeweglichkeit des Systems nur zu gut. „Ich kämpfe nicht. Ich kämpfe nicht, weil Kampf aussichtslos ist. Ich führe Beweis. Und nur das will ich beweisen: Kampf ist sinnlos.“
Dieser Satz aus der RATTENJAGD klingt wie sein persönliches Credo.

Aber es gibt auch die Gedichtzeilen: „Irgendwann wird man mich zu Ende denken, und dann bekomme ich diese Jahre zurück.“
Hatte die Resignation doch nicht das letzte Wort?
Der Anspruch ist unsinnig. Kein Mensch bekommt etwas von seiner Lebenszeit zurück. Im Gedicht verlegt er es ja auch in eine unbestimmte Zukunft: Irgendwann...und dann...

Steffen zu Ende denken, heißt, ihn als Poeten zu Ende denken. Nur in der Kraft der Sprache gewinnt er zurück, was unaufhaltsam davon zu rinnen schien. Davon zeugt ein unveröffentlichtes Gedicht. Es macht deutlich, dass er auch nach der Entlassung aus der Haft noch schreiben konnte. Und es zeigt, was noch von ihm zu erwarten gewesen wäre, hätte er nicht aufgegeben und einen Schlussstrich gezogen.
Das Gedicht hat keinen Titel. Es beginnt mit dem Wort „Komm“ das auch als Überschrift stehen könnte.

Komm,
lass uns Steine brechen statt des Brots
Und mit Zement unsere Sehnsucht verschalen,
Du.

Die Götter sind alt,
Und die Feuchtigkeit der Dome
Tränkt ihren Groll gegen uns.

Steine sind gleichgültig.
Es lassen sich Träume aus ihnen meißeln
Oder ein Grabmal dafür.
Steine sind gut.
Auch Sisyphos fluchte nicht dem Stein
Und keiner der Gesteinigten.
Steine sind gut.
Lass sie uns häufen
Zu einem Versteck
Rundum.

Wie in einem Zirkus:
Ich Dein Clown meiner Kinderträume.
Meine Narrenschellen an Deiner Kehle;
Dein Feuerschlucker,
Alle Deine Feuer verzehrend;
Dein Reiter,
An Deiner Zärtlichkeit voltigierend.
Komm.

In einen Kasten will ich Dich legen
Letzten Vergessens
Und mit meinen Tränen zersägen
Und die Unendlichkeit aus Dir zaubern
Und sie mit Dir teilen.

Ich denke, Sie können in der Stadt Heilbronn stolz sein auf „das verbummelte Genie“, den Dichter Ernst. S. Steffen.

Für mich ist ein großes Warum von diesem Leben geblieben, bis heute.
Ich versuchte mir nach seinem Tod schriftlich darüber klar zu werden, ob wir vielleicht hätten mehr tun können, mehr Verständnis für ihn aufbringen, vielleicht auch unsere Meinungen deutlicher äußern. Darüber entstand ein Buch mit dem Titel: „Ein Strafgefangener und eine bürgerliche Familie – Auseinandersetzung mit Ernst S. Steffen“, veröffentlicht 1974. Im Jahr 2003 wurde es in gekürzter Form neu aufgelegt, zusammen mit Berichten über die ehrenamtliche Betreuung von Strafgefangenen. Denn in meinem Leben fand die Begegnung mit Steffen eine Fortsetzung. Ich kümmere mich seitdem um Gefangene in der Vollzugsanstalt in Freiburg. Immer auf der Suche, ob es noch mehr solcher „Steffen“ gibt. Sie sind nicht schuldlos an ihrem Schicksal – bis auf wenige unschuldig Verurteilte. Aber es geht darum ihnen zu helfen, in Zukunft ihr Leben in den Griff zu bekommen. Bei Steffen habe ich gelernt, das Allerwichtigste, was wir tun können, ist ihnen ihre Selbstachtung zu erhalten oder wiederzugeben. Der Titel meines Buches, in dem ich von meiner Arbeit berichte, ist deshalb jene Verszeile von ihm: „Irgendwann wird man mich zu Ende denken“.