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Victoria Wolff

Sie war das einzige Mädchen, das in ihrer Klasse Abitur machte: Trude Victoria Victor, Tochter des jüdischen Lederwarenfabrikanten Jakob Victor. Nachhilfestunden erhielt sie gar von Albert Einstein, mit dem die Familie verwandt war, doch die Mathematik wurde trotzdem nicht ihre große Leidenschaft.

Ab 1917 besuchte sie das hiesige Realgymnasiums, studierte nach bestandener Reifeprüfung auf Wunsch des Vaters Chemie in Heidelberg und München. Ihr eigentliches Interesse galt aber der Literatur und so brach sie das Studium ab und begann erste journalistische Arbeiten in Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen. Mit Reportagen für die lokale Neckar-Zeitung, unter dem Chefredakteur Theodor Heuss, begann ihre literarische Karriere.

1932 erschien ihr erster Roman Eine Frau wie du und ich im Dresdner Carl-Reißner-Verlag, in dessen Mittelpunkt die Schriftstellerin George Sand steht.

Der Verleger Neven Dumont wurde auf sie aufmerksam und schickte sie 1932 auf eine Reportagereise nach Russland. Dabei entstand eine 12-teilige Serie: „Die Frau in Russland“. Von nun an veröffentlichte die junge Autorin zügig weiter: 1933 erschienen gleich zwei Titel „Mädchen wohin?“ und „Eine Frau hat Mut“, beide verlegt beim Wiener Zsolnay-Verlag.

Doch dann wandelten sich die Zeiten in Deutschland: Wolff erkannte schnell, dass sie als jüdische Autorin keine Zukunft mehr in ihrer Heimat hatte. Zu Beginn des Jahres 1934 erhielt sie die Nachricht der Reichsschrifttumskammer über das Publikationsverbot jüdischer Autorinnen und Autoren. Inzwischen war sie mit dem Textilfabrikanten Alfred Max Wolf verheiratet und hatte bereits zwei Kinder. Sie emigrierte mit den Kindern, doch ohne ihren Ehemann, zunächst in das Schweizer Ascona.

Im Tessin war Wolff trotz der widrigen Umstände ungeheuer produktiv. Sie lernte viele andere Emigranten kennen und befreundete sich vor allem mit Leonhard Frank und Erich Maria Remarque. Dort entsteand eines ihrer bedeutendsten Werke „Gast in der Heimat“ (1935), in dem sie ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus schildert. Das Buch wurde durch die Vermittlung von Remarque im Amsterdamer Querido Verlag verlegt.

Auch in der Schweiz gerieten die Emigranten zusehends unter Druck, und Wolff veröffentlichte teilweise unter Pseudonymen. Sie arbeitete so weit wie möglich weiter und unternahm Reisen nach Palästina und Ägypten, schriebReportagen und verarbeitete diese Eindrücke auch in Romanform: „König im Tal der Könige“(1943). Als ihre Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz entgültig auslief, floh sie nach Nizza, geriet dort unter Spionageverdacht, gelangte dann mit Hilfe von amerikanischen Freunden über Spanien und Portugal 1941 in die USA.

In Los Angeles fasste sie schnell Fuß. Sie belegte Kurse an der Universität, um sich mit den Feinheiten der amerikanischen Literatur vertraut zu machen, knüpfte Kontakte und begann Drehbücher zu schreiben. Mit dem in Frankreich entstandenen Roman „Das weiße Abendkleid“, der unter dem Titel „Tales of Manhattan“ mit Rita Hayworth und Charles Laughton verfilmt wurde, gelang ihr der Einstieg als Drehbuchautorin. Auch hier knüpfte sie schnell Kontakte und beschrieb für Zsa Zsa Gabor deren Flucht von Ungarn nach Amerika in „Every Man for Herself“ (1943).

Die Ehe mit dem inzwischen ebenfalls in die USA emigrierten Ehemann Alfred Max Wolf wurde 1945 geschieden, und sie heiratete in Los Angeles 1949 den Berliner Kardiologen Erich Wolff - damit erklärt sich die unterschiedliche Schreibweise ihres Nachnamens.

Die Geschichte ihrer Flucht bildet den Hintergrund des Romans „Keine Zeit für Tränen“ (1954), den sie unter dem Pseudonym Claudia Martell veröffentlichte. 1969 kam die zweite, gekürzte, Fassung unter dem leicht veränderten Titel „Die Zeit der Tränen geht vorbei“ auf den Markt. Wolff war als aktives Mitglied der südkalifornischen Exilgemeinde um ihren guten Ruf bemüht und wollte damit Spekulationen über die Liebesgeschichte, die der autobiographisch gefärbte Roman beschreibt, vorbeugen.

Ihre Arbeit als Drehbuchautorin gab sie nach einem langwierigen Prozess um Urheberrechte auf. Dafür arbeitete sie weiterhin journalistisch z.B. bei der jüdischen Emigrantenzeitschrift „Aufbau“, die von einem anderen Heilbronner, Will Schaber, herausgebeben wurde. In dieser Zeit entstand noch einer ihrer größten Erfolge „Stadt ohne Unschuld“ (1956), in dem sie ihrer neuen Heimat Los Angelos ein literarisches Denkmal setzte.

Wolff, die ihr ganzes Leben von der Selbstverantwortung des Menschen überzeugt war, beteiligte sich nach Kriegsende bis zu ihrem Tod am kulturellen Austausch zwischen Amerika und Europa. Schon 1949 besuchte Victoria Wolff auf Einladung des damaligen Oberbürgermeisters Meyle das zerstörte Heilbronn. Zum letzten Mal war sie 1985 im Rahmen einer Begegnungswoche jüdischer Mitbürger zu Gast in Heilbronn. Sie starb 1992 in Los Angeles. Ihr Nachlass wird verwahrt in der Victoria Wolff Collection, Special Collections, University of California, Los Angeles.